Caravaggio

Caravaggio (1571 Mailand? – 1610 Porto Ercole), eigentlich Michelangelo Merisi, lernt von 1584 bis 1588 bei Simone Peterzano in Mailand und arbeitet dann in Caravaggio bei Bergamo. Um 1592 geht er nach Rom, wo er in mehreren Werkstätten tätig ist und bald Gönner am Hof des Papstes findet. Wegen seiner unkonventionellen Lebensweise wird er um 1604 mehrfach inhaftiert und muss die letzten Lebensjahre auf der Flucht verbringen. Im Gegensatz zu Annibale Carracci bemüht sich Caravaggio, die Kunst durch die natürliche Wiedergabe des Menschen und der Dinge zu erneuern. Neben einer ausgeprägt realistischen Figurendarestellung ist der starke Hell-Dunkel-Kontrast charakteristisch für seine Werke. Von vielen siener Zeitgenossen abgelehnt, hat Caravaggio sehr großen Einfluß auf nachfolgende Künstler in ganz Europa. Er ist in seiner Kunst so radikal und revolutionär wie rast- und ruhelos in seinem Leben. Der notorische Streithammel und Haudegen wiedersetzt sich mit Wehemenz dem Zeitgeschmack. Auf seinen Fluchten vor der Justiz aus Rom, dem künstlerischen Zentrum italienischer Barockmalerei, verschlägt es ihn nach Napel, Malta und Sizilien. Seine außergewöhnlichen Stilleben mit Blumen und Früchten, seine für private Auftraggeber gemalten halbfigurigen Darstellungen anmutiger Knaben, Wahrsager und Lautenspieler sowie schlißlich seine großformatigen Altartafeln mit Geschichten aus dem Leben Christi, der Muttergottes und der Heiligen – sie alle folgen keinen konventionellen Bildformeln und akademischen Schönheitsidealen, sondern einem noch nie dagewesen Verständnis von der Wirklichkeit. Die seit der Renaissance existierende Differenzierung zwischen hohen und niederen Bildthemen spielt für Caravaggio keine Rolle mehr. Unabhängig davon, ob es sich bei dem Sujet um eine relegiöse Historie oder ein Bildnis handelt, der Künstler weist sich als genauer Beobachter der Menschen und alltäglichen Dinge aus. Seine Figuren sind so schön oder auch häßlich wie die Menschen auf der Straße. Trotzdem wird der Betrachter dieser Bilder letztendlich nicht mit dem zeitgenössischen Alltagsleben in Italien konfrontiert, sondern mit einer persönlichen Sichtweise und einer im Atelier arrangieren, artifiziellen Welt. Betont wird dieser Aspekt vor allem durch die extreme Lichtführung, die kennzeichnend für Caravaggios gesamtes Œuvre ist: Hell ausgeleuchtete, glatte Farbflächen stehen mit einer zuvor nicht gekannten Härte in Kontrast zu dunkel verschatteten Bildbreichen. In der Farbgebung dominieren klare Erdtöne. Caravaggios Naturalismus ist neu und wird nur von den wenigsten Zeitgenossen verstanden. Obwohl ihm von verschiedenen Seiten Anfeindung entgegenschlagen, wird er in Rom mit zahlreichen Aufträgen bedacht. Dabaie nimmt sich Caravaggio teilweise gefährliche Freiheiten heraus. Die im sogenannten Bilderdekret des Konzils zu Trient (1563) verankerte gegenreformatorische Abbildugsmoral untersagt unter Strafandrohung, den Figuren christlicher Bilder das Aussehen lebender Menschen zu verleihen. Caravaggio aber versieht nicht nur die Heiligen mit den Allerweltsgesichtern seiner auf der Straße aufgelesenen Modelle. Es wird vermutet, dass er selbst Maria die Geschichtszüge seiner Geliebten gegeben hat. Solche Erdennähe irritiert dem frommen Kichgänger der Zeit – ist er doch an den Anblick von Madonnen gewöhnt, die in überirdischer Schönheit entrückt scheinen. Für die katholische Kirche ist die Natürlichkeit seiner religiösen Bilder Schlicht ein Skandal. Sie wittert dahinter eine dem sakralen Bildgegenstand die würde raubende Selbstdarestellung. Doch Caravaggios Realismus ist keine blasphemische Laune eines Malergenies und keine Geste sinnloser Provokation. Die Wirklichkeitsnähe unterstreicht die Verbundenheit des Malers mit der volkstümlichen Frömmigkeit des Hl. Philippus Neri (1515-1595). Letztendlich basiert der Realismus auf der religiösen Vorstellungswelt dieses unkonventionellen Meisters.

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                                  Enthauptung des Täufers, 1608 Öl auf Leinwand, 361x520cm                        Museum of St. John´s, Valletta, Malta

Schwach erleuchtet erscheint knapp hinter einem Fries aus lebensgroßen Figuren links ein mächtiges vergittertes Tor, dessen Bogen oben angeschnitten ist. Rechts hingegen ist die Wand durch ein ebenfalls vergittertes Fenster durchbrochen. aus ihm blicken zwei Gefangene auf das Geschehen links. Mit hochgekrempelten Ärmeln, eher Judith als laszive Tänzerin, steht Salome und beugt sich, um auf einer großen goldfarbenen Schüssel den Kopf des Johannes entgegenzunehmen. Neben ihr führt ihr Magd in stummem Entsetzen beide Hände zum Kopf, während sie auf das blanke Richtschwert am Boden blickt. Es liegt von einem Manne, der die Enthauptung angeordnet hat. Mächtig, sehr viele größer wirkend als die drei anderen Personen, beugt sich der Henker halbnackt über den Leichnam des Täufers. Während er mit der Linken nach dessen Haar fasst, greift er mit der Rechten zu einem kurzen Dolch im Gürtel, als müsse er noch nachhelfen, um den Kopf vom Leibe zu trennen. Der bereits enthauptete Johannes liegt in seinem Blut, das in schrägen Strahlen nach rechts spritzt. Mit ihm hat Caravaggio auf dem Boden signiert, es ist seine einzige auffälge Signatur überhaupt, beschränkt auf die Buchstaben (f Michela), für fecit oder frater Michelangelus. Die eine Formulierung würde sagen, Michelangelo habe das Bild geschaffen, die andere bezeichnete den Maler hingegen als Malteser-Bruder.

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Piruzan

Siehe! Ich bin meiner Weisheit überdrüssig, wie die Biene, die des Honigs zuviel gesammelt hat, ich bedarf der Hände, die sich ausstrecken. Ich möchte verschenken und austeilen, bis die Weisen unter den Menschen wieder einmal ihrer Torheit und die Armen wieder einmal ihres Reichtums froh geworden sind. Dazu muss ich in die Tiefe steigen: wie du des Abends tust, wenn du hinter das Meer gehst und noch der Unterwelt Licht bringst, du überreiches Gestirn!

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